Rassismus.

Ich habe keine Worte für das was in den USA passiert. Ich habe jetzt die letzten Tage überlegt wie und was ich zum Thema Rassismus sagen kann und habe gemerkt, dass ich Angst habe darüber zu sprechen. Ich möchte nichts falsches sagen. Ich wollte schon öfters über meine eigenen Erfahrungen berichten, aber hatte immer das Gefühl es würde sowieso nicht ernst genommen werden. Denn genau die Erfahrung habe ich bisher gemacht. Aber gleichzeitig merke ich auch jetzt, wie viel Schmerz das Thema in mir verursacht. Ich bin schockiert was in den USA immer wieder passiert, aber möchte heute eher darauf aufmerksam machen, dass Rassismus überall ist, auch in Deutschland. Ich habe schon mit einigen Freunden darüber gesprochen und sie meinten alle sie hätten sich niemals vorstellen können, dasss selbst so etwas in Deutschland passiert. Von daher kann ich mit meinen Erzählungen vielleicht immerhin ein kleines bisschen auf das aufmerksam machen, was eigentlich noch wesentlich weiter geht.

Ich weiß nicht wie es ist schwarz zu sein. Ich weiß nicht wie es ist weiß zu sein. Ich bin ein „Mischling“ wie man so schön sagt (ich hasse dieses Wort). Mein Vater ist deutsch, meine Mutter zur Hälfte Portugiesin und zur Hälfte Angolanerin (Angola liegt in Westafrika). Mein ganzes Leben wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass ich anders bin. Ich bin in einem kleinen Ort aufgewachsen, indem man als „Ausländer“ schon eher auffällt.
Ich denke meine erste Erfahrungen mit Rassismus war eine Freundin, die ihre schwarze Baby Born Puppe Violetta getauft hat (ich nehms ihr nicht übel, aber meine Mutter war ziemlich sauer). Das ist dann wohl das harmloseste Beispiel. Als nächstes kamen Mitschüler und selbst Freunde, die immer wieder Witze über meine Hautfarbe gemacht. Wenn ich meinte, dass ich das beleidigend finde, es mich ärgert oder verletzt kamen so Antworten wie „ach nimm das nicht so Ernst, du bist ja gar nicht RICHTIG schwarz“.

Ich weiß noch wie ich durch den Schulflur ging, als mir auf einmal jemand „Scheiß Neger“ zuflüsterte. Das N-Wort habe ich in meinem Leben ständig zu hören bekommen, obwohl ich nicht „RICHTIG schwarz“ bin. Und ab da wurde der Rassismus..ich sag mal „aggressiver“. Ich wurde schon mitten in der Stadt bespuckt, es wurde nach mir getreten, immer mit Kommentaren wie “ geh zurück in dein Land“, oder halt der Klassiker „scheiß N… scheiß Ausländer“ usw. Vor etwas mehr als einem Jahr war ich nachts mit meinem Freund (ebenfalls „Mischling“) auf dem Weg nach Hause. In einer Bahnunterführung stellte sich auf einmal eine Frau in unseren Weg und schrie uns an „IHR KRIMINELLEN, GEHT ZURÜCK IN EUER LAND“ und noch mehr was ich nicht verstanden habe.
Ich weiß nicht ob man sich vorstellen kann, was für eine Panik in so einem Moment in einem hochkommt. Wir sind dann an ihr vorbei gerannt und im Zug habe ich (nach einer Panikattacke) nur noch geweint und mich gefragt warum Menschen so etwas tun. In mein Land? Wo soll das sein? Ich bin in Deutschland geboren, in Deutschland aufgewachsen. Egal wo ich hingehe, ich bin Ausländer. Wie oft habe ich mir gewünscht einfach „normal“ zu sein. Ich habe immer Angst aufzufallen, immer Angst jemandem zu begegnen, in dem mein anderes Aussehen vielleicht noch mehr Hass weckt. Jemand der mich nicht „nur“ anschreit, sondern bereit zu Gewalt ist. Jedes Mal wenn ich von einer rassistisch motivierten Tat höre, versuche ich es auszublenden (was nicht geht). Es gab eine Zeit, in der ich mich deshalb wirklich kaum noch raus getraut habe. Ich hatte Angst alleine in den öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren oder Angst alleine abends raus zu gehen.

Und obwohl ich hier „herkomme“ und mich hier zuhause fühle, wird mir immer wieder das Gegenteil vermittelt. „Wo kommst du EIGENTLICH her?“ , „Wie lange bist du schon hier?“, „Warst du schonmal in deiner Heimat?“, „Sprichst du deutsch?“. Oder auch besonders schön: Als ich vor einigen Jahren mit einer Freundin (deutsch) im Wellnessurlaub war und kurz vom Frühstückstisch aufstand, sagten die anderen die mit uns am Tisch saßen zu ihr, „wie toll sie es doch fänden, dass sie sich um einen Flüchtling kümmert“.
Diese Dinge sind alle nicht böse gemeint. Aber sie geben Menschen, die „anders aussehen“, das Gefühl genau das zu sein. Anders. Ich fühle mich in solchen Momenten einsam, verletzt und nicht akzeptiert.
In der Regel sind wir solche Aussagen einfach gewöhnt. Wir wachsen damit auf und denken uns nichts dabei. Aber leider können sie viel Schmerz in anderen Menschen auslösen.

Ich hoffe ich konnte zumindest einen kleinen Einblick darin geben, dass Rassismus allgegenwärtig ist. Es passiert nicht nur in den USA. Meine Bitte an euch wäre, informiert euch über das Thema und falls ihr etwas mitbekommt, sagt etwas. Wenn jemand einen rassistischen Witz oder eine Bemerkung macht, macht die Person darauf aufmerksam, dass das nicht in Ordnung ist. Wenn ihr merkt jemand wird ungerecht behandelt, setzt euch für die Person ein. Und überprüft auch eure eigenen Aussagen und Taten, auch wenn nichts davon böse gemeint ist.
Ich persönlich möchte mich auch noch mehr informieren. Ich hab jetzt hier bei so vielen als Empfehlung die Bücher/Hörbücher „exit racism“ und „was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“ gehört (beide auf Spotify), und obwohl ich NICHT RICHTIG weiß und NICHT RICHTIG schwarz bin 😉 – es geht uns alle an und man kann dort bestimmt noch was lernen. Ich werd’s mir auf jeden Fall ab heute anhören. Und danke, dass ihr euch die Zeit genommen habt, meinen Text zu lesen, das bedeutet mir viel ♥

3 Antworten auf „Rassismus.

  1. Liebe Vio, danke für deinen so persönlichen Beitrag.
    Ich bin Halbkoreanerin, auch auf dem Land aufgewachsen, ebenso wie eine Nachbarsfamilie aus Vietnam und durfte mir in der Schule ebenfalls einiges über „Chinesenklischees“ anhören, was aber bei weitem nicht so extrem/aggressiv wie bei dir war. Meine Mandelaugen hat man mir als Kind noch sehr angesehen, mittlerweile trauen sich Leute nicht mehr, mich zu fragen, ob ich „Mischling“ bin, da man es mir fast nicht mehr ansieht. Als ich letzten Herbst mein Auslandssemester in Korea absolviert habe, war ich erst sehr verwirrt, dass nicht nur Koreaner*innen, sondern auch andere Asiaten mich für Ihresgleichen hielten und in der jeweiligen Landessprache ansprachen, welche ich nicht verstand. Ein koreanischer Freund meinte daraufhin zu mir, dass ich für sie wie eine Asiatin aussehe. Da habe ich mich tatsächlich zum ersten Mal etwas „Zuhause“ gefühlt. Ich habe jedoch auch genug Asiaten kennengelernt, die Rassisten sind oder rassistische Bemerkungen gegenüber anderen Asiaten fallen lassen und hoffe, dass das Bewusstsein mittlerweile endlich bei jedem angekommen ist, dass es hier noch unendlich viel zu lernen gibt.
    Deine beiden Buchempfehlungen möchte ich ebenfalls lesen und bitte, wie du, alle darum, sich gegen Rassismus und bewusst zu Bemerkungen in diese Richtung einzusetzen.
    LG Larissa aka green_lotta (YT, IG)

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  2. Liebe Vio,
    Ich bin weiß, habe keinen Migrationshintergrund, meine Familie lebt seit Generationen in Deutschland. Ich hätte, wenn du in meiner Klasse oder auf meiner Schule gewesen wärst vermutlich gar nicht bewusst wahrgenommen, dass du einen halben Migrationshintergrund hast, eher hätte ich deine schönen Haare bewundert. 😀
    Ich finde dich schön und nicht weniger deutsch als mich. Du gehörst an jeden Ort, an den dein Herz dich führt und an dem es dich hält.
    Liebst
    Susi

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